In Tenebris Lux – Auch zerbrochene Spiegel reflektieren Licht

Das Schlimmste war die Angst. Nicht die Schläge selbst, sondern die ständige Unsicherheit. Jeder Atemzug war ein Warten auf das Unvorhersehbare. Kam ich vom Spielen nach Hause, schlief ich gerade, oder machte Hausaufgaben, plötzlich öffnete sich die Tür und es begann – es konnte jederzeit losgehen.

Manchmal fand ich mein Zimmer verwüstet vor: umgekippte Schränke, zerrissene Bücher. Ein Chaos, das mir sagte: Du bist nicht sicher. Nirgends. Ich war das Kind, das den Holzlöffel brachte, wenn es einen Fehler gemacht hatte. Nicht aus Gehorsam, sondern aus Angst. Weil ich dachte, ich hätte den Schmerz verdient. Ich dachte, es wäre normal. Meine Mutter, alleinerziehend, war mein ganzer Halt – und gleichzeitig meine größte Gefahr. Mal liebevoll, mal zerstörerisch.

Die Gewalt hat mein Leben zersplittert. Ich lernte, Menschen zu misstrauen, noch bevor ich sie kannte. In der Schule, in der Ausbildung – ich war immer der Außenseiter, der zum Verarschen, Verprügeln, Zerstören da war. Selbst Therapeuten glaubten mir nicht. „Die nette Arzthelferin? So etwas würde sie doch nie tun! Hör auf zu lügen!“ Also schwieg ich. Mit 12 versuchte ich, mir das Leben zu nehmen. Mit 26 noch einmal. Damals rettete mich eine Freundin, die mich bei der Polizei meldete. In der Klinik sagte man mir: „Du hast die Wahl.“ Ich wählte das Leben – nicht aus Hoffnung, sondern aus Schuldgefühl. Weil ich spürte, wie viele ich verletzen würde, wenn ich ging.

Heute, mit 35, trage ich die Scherben meiner Vergangenheit wie Glas in den Händen. Sie schneiden, aber sie glitzern auch. Meine Mutter und ich hatten ein Jahr der Versöhnung – genau 365 Tage zwischen meiner Entlassung aus der Klinik und ihrem Unfalltod. In dieser Zeit redeten wir. Sie gestand ein, was sie getan hatte. Ich verzieh’ ihr, nicht weil sie es verdient hätte, sondern weil ich nicht mehr das Kind sein wollte, das im Dunkeln zittert.

Und dann ist da sie. Die Frau, die ich liebe. Sie zeigt mir, was Liebe sein kann. Sie sieht meine Narben, meine Wut, mein zerbrochenes Vertrauen – und flüstert: „Du bist gut, genau wie du bist.“ Ihr Licht spiegelt sich in den Glasscherben meines Lebens und wirft bunte Muster an die Wände.

Manchmal, wenn die alten Dämonen kommen – die Angst, ich könnte meine Patenkinder verletzen, wenn sie mich wütend machen –, die Scham, nicht „normal“ zu sein –, verlasse ich den Raum. Atme. Erinnere mich: Ich bin nicht meine Mutter. Ich kann anders sein.

Mein Leben ist kein Märchen. Die Depressionen, die kPTBS, die Einsamkeit – sie sind noch da. Aber ich habe gelernt: Heilung ist kein gerader Weg. Sie ist ein Akt der Rebellion. Ein „Trotzdem“, geflüstert in die Dunkelheit.

An alle, die sich verloren fühlen:
Ihr seid nicht allein. Manchmal sieht man den Grund weiterzugehen erst, wenn man geht. Auch wenn es jetzt keinen Sinn ergibt – vertraut darauf, dass das Licht zurückkommt. Selbst in den tiefsten Nächten. In tenebris lux.