Entvattert

Er hat mich umarmt.
Und in dieser Umarmung
steckte alles, was ich je sein wollte:
sein Vater.

Acht Jahre ist er heute alt.
Mein Sohn.
Mein Herz.
Mein Schmerz.

Er hat gelacht.
So, wie Kinder lachen.
Ehrlich. Laut.
Mit diesen kleinen Zahnlücken vorne.
Zwei Zähne fehlen.
Der Blick noch rein,
das Leben noch nicht.

Und dann war sie da.
Die Mutter.
Die Grenze.
Der Schatten.

Er riss sich los.
Nicht weil er wollte.
Sondern weil er gelernt hat,
was Nähe kostet.
Wenn ich sie bin.

Ich stand da mit einem Fotobuch in der Hand.
Ein kleines, weiches Ding,
aber in meinem Arm
fühlte es sich an wie ein Sarg.

Seiten voller Lachen.
Voller Sandburgen.
Voller Geschichten,
die sie auslöschen will.
Voller Vatersein,
das nicht mehr sein darf.

Er hat es genommen.
Hat es nicht geöffnet.
Hat es nicht einmal angesehen.
Aber er hat mich umarmt.

Seine kleinen Arme
um meinen zerbrochenen Körper.
Für eine Sekunde
war ich nicht vergessen.
War ich nicht ersetzt.
War ich nur:
Papa.

Und dann war er weg.
Die Tür fiel zu.
Wie ein Urteil.
Wie ein Messer ohne Ton.

Ich fuhr zurück.
Aber nicht wirklich.
Nur mein Körper saß am Steuer.
Mein Herz lag auf dem Boden,
dort, wo er mich umarmt hatte.
Wo seine kleinen Arme
mich kurz gehalten haben –
nicht wissend,
dass sie mich damit
zerbrechen.

Denn was macht mehr kaputt,
als ein Kind,
das dich noch liebt,
aber nicht lieben darf?
Ein Kind,
das dich umarmt –
nur um Sekunden später wegzurennen,
weil die Angst stärker ist
als das Blut in seinen Adern?

Ich bin zerrissen.
Nicht in zwei.
In tausend.
Jede Zelle schreit,
jeder Gedanke schneidet,
jede Erinnerung brennt.

Ich wollte stark sein.
Aber jetzt bin ich nur leer.
Kein Wort, kein Gebet, kein Trost
kann diese Leere füllen.
Denn sie hat einen Namen.
Einen Geburtstag.
Und fehlende Vorderzähne.