System of Ants

Mein Name ist Aiva und ich bin Teil eines DIS-Systems.

Wir sind Viele und das hat uns das Überleben gesichert.

Seit unserer Geburt sind wir Teil eines organisierten, ritualisierten Kultes.

Dort wuchsen wir unter teils

menschenunwürdigen Bedingungen auf. Unser Alltag bestand aus sexualisierter Gewalt in allen erdenkbaren Formen und war geprägt von Menschen, die es nicht gut mit uns meinten. Folter, Druck, Bedürfnisentzug, Gewalt in undenkbaren Dimensionen, Isolation und Bestrafung formten uns zu dem was wir heute sind.

Es ist nicht einfach sich so zu akzeptieren, sich was wert zu sein und fur sich einzustehen.

Im Laufe der letzten Jahre begannen einige von uns zu verstehen und sich zu wehren. Dieser Weg ist sehr steinig, oft entmutigend und es ist schwer stark zu bleiben, zuversichtlich und optimistisch zu bleiben. Den Kampf gegen die Fremdbestimmung nicht aufzugeben. Immer wieder fallen wir auf unseren Weg hin, genauso oft stehen wir jedoch auch wieder auf. Für uns und unser Leben.Unsere Therapeutin sagte einmal es ist wichtig immer weiter zu gehen, auch wenn es „nur" kleine Ameisenschritte sind. Aus dieser kurzen Aussage konnte ich für mich und für uns so viel mitnehmen.

Wir sind einem Ameisen Staat gar nicht so unähnlich. Eine Ameise zum Beispiel ist in der Lage das 40ig fache ihres Gewichtes zu tragen. Durch die Aufteilung unseres Traumas auf viele verschiedene „Innenameisen" sind wir als Mensch in der Lage gewesen Dinge auszuhalten, die sonst nicht aushalbar gewesen wären. Die Abspaltung verschiedener Anteile hat und geschützt und es uns ermöglicht weiter zu leben, egal was uns angetan wurde.

Eine Ameise alleine hat in der freien Wildbahn kaum eine Überlebenschance, ein Ameisenstaat jedoch arbeitet Hand in Hand für das größere Wohl, für das gemeinsame Ziel: zu bestehen.

Auch wir haben es nach vielen Jahren der Einsamkeit und Hilflosigkeit geschafft uns auf den Weg zu machen, gemeinsam. So haben wir bemerkt, dass das „Viele sein" , Was

ja oft als negativ angesehen wird, uns viele Vorteile schafft.

Wo viele sind, kann man auf unterschiedlichste

Kompetenzen zurückgreifen. So haben wir in uns Dichter, Mathematiker, Maler, Musiker, Sportler und Denker. Unsere

Kompetenzen sind sehr vielfältig, nun lernen wir, diese

Kompetenzen zu nutzen um diesmal uns selbst zu helfen.

Der Schritt zu beginnen selbst zu denken, zu Wissen was man für sich möchte, dass man auf sich stolz sein kann und das man gut ist so wie man ist, war und ist ein sehr schwieriger Schritt.

Wir durften erfahren, dass es durchaus Menschen in der Welt gibt, denen wir was bedeuten, die uns so akzeptieren wie wir sind und vor allen die egal, wie es uns geht, für uns da sind.

Partner, Freunde, Therapeuten, es brauch Menschen, die nicht verurteilen, die nicht in Frage stellen und die einfach da sind.

Immer wieder treffen wir auf Situationen, in denen wir uns verstellen, da wir sonst nicht ernst genommen werden, immer wieder treffen wir auf Institutionen und Menschen, die uns und unsere Vergangenheit in Frage stellen. Dies ist etwas, was sehr viel Kraft und Zuversicht raubt. Nur weil man gewisse Dinge nicht sieht, heißt es unweigerlich, dass es diese Dinge nicht gibt?

Betroffene brauchen Menschen die fähig sind hinzusehen, zu vertrauen, zu unterstützen, auch wenn man von außen nicht alles nachvollziehen und verstehen kann. Verstehen wir selbst doch so vieles nicht.

Betroffene brauchen Ihre Stimme, diese zu finden setzt das Gefühl vorausgesehen und ernst genommen zu werden.

Wir sind es uns wert und gehen weiter, wenn auch kleine Ameisenschritte, jeder Schritt ist es wert gesehen zu werden.

Wir sehen so vieles was uns Kraft gibt weiter zu gehen. So vieles, was von außen nicht gesehen werden kann und dennoch vorhanden ist.

So öffnen sich in uns Grenzen, es entstehen erste zaghafte Koalitionen und Freundschaften. Erste positive Erfahrungen.

So haben einige von uns, durch diese kleinen Schritte nun Möglichkeiten, die ihnen immer verwehrt waren: Sie können die Sonne sehen, den Wind spüren, Kinder lernen zu spielen... So viele erste Male die wir zusammen erleben dürfen: das erste Lachen, der erste Schritt, das erste Mal etwas besitzen und wenn es nur eine Muschel oder eine Murmel ist, das erste Mal Wärme und wohlwollen spüren...

Dies alles ist so viel wert und dies alles wurde uns nur möglich, indem wir begannen zusammen zu arbeiten, diesmal nicht für andere Menschen, diesmal wahrhaftig für uns.

Unser Weg ist weiterhin schmerzhaft, steinig, schwer zu ertragen und auch geprägt von Rückschritten und Verzweiflung. Jedoch geben wir uns auch gegenseitig die Kraft immer weiter zu gehen.

Und es ist OK so zu sein, wie wir sind. Ein System voller kleiner, verschiedener Ameisen, welche zusammen doch so vieles bewegen können.

Jede Stimme zählt, jeder Schritt zählt. Hört euch zu und seid füreinander da, für ein besseres Leben. Denn wir haben nur das eine und sind nicht gewillt und dieses komplett nehmen zu lassen.

Ein großer Dank geht an alle, die es möglich gemacht haben, dass wir Ameisen uns nun immer mehr sehen, verstehen und unterstützen können.

Ein Dank an unsere Familie, unsere Partnerin, unsere Freunde und unsere Therapeutin. Ohne diese Menschen hätten wir nicht zu unserer Stärke und Stimme gefunden.