Undankbar
„Das ist so nicht gewesen“ ist alles was er hört. Auch 20 Jahre später bohren sich diese Worte tief in seine Wunden.
Henri ist misshandelt worden. So einfach, so kurz, so auf den Punkt gebracht. Henri hat nicht immer so klar kommuniziert, gerade um das „misshandelt“ ist er förmlich herumgetanzt. Das hat er lernen müssen, das tat weh.
Gott sei Dank gibt es noch Menschen die wissen, wo Misshandlung anfängt und wo sie aufhört. Menschen, die wissen, wird ein Kind nicht geschlagen – ist es auch keine Misshandlung. So einfach ist das. Gut, dass es euch gibt.
„Henri lässt sich sehr leicht ablenken und kann sich keine längere Zeit auf eine Sache konzentrieren“, steht im Zeugnis. Typisch verhaltensauffällig, Stempel drauf, Elternsprechtag, Fresse halten. Henri wusste einfach nicht zu schätzen, wie gut es ihm überhaupt ging!
Tatsächlich ist es selten zu körperlichen Sanktionen gekommen. Na gut, wenn Henri Mist gebaut hatte, dann musste es schon mal was auf den Hintern geben. Auf den nackten Hintern. Aber das sind pädagogisch wertvolle Erziehungsmaßnahmen. Keine Misshandlung!
Und das eine Mal, als der Stiefvater Henri gewürgt hat, da hat er ihn aber auch provoziert. Als er mit drei Jahren einen Aschenbecher ins Gesicht geworfen bekam, da war er aber auch frech! Das war der gute aus Glas. Selbstverschuldet. Die restlichen Tage bestanden aus Demütigung, psychischer Sanktionierung, soziale Isolation … und so weiter. Keine Wunden, keine Misshandlung!
So einfach.
Henri hat sich Hilfe gesucht. Bei den Lehrern – aber Henri dramatisiert gerne. Bei der Kirche – aber familiäre Skandale hat die Kirche nicht gerne...Henri habe gefälligst seine Mutter zu danken, ihn geboren zu haben. Er solle mal Verständnis für sie aufbringen und nicht immer nur an sich denken! Richtig so! Mensch Henri … 12 Jahren kannst Du auch mal an deine Mutter denken. Es gibt Kinder, die werden sogar vergewaltigt, da geht es Dir richtig gut! Undankbarer Rotzlöffel!
Henri hat begonnen, das wirklich zu glauben. Kinder können nicht realistisch einschätzen, was richtig oder falsch ist. Wenn sogar der Pastor sagt, dass das alles total in Ordnung sei, dann muss das so sein. Er hat gelernt stumm zu leiden.
Aber als der Stiefvater keine 12 Monate später völlig zornig auf dem Balkon gestanden hat und drohte, den 6-Monate alten Bruder von Henri eben dort hinunterzuwerfen – das war dann doch etwas befremdlich! Also nahm Henri seinen ganzen Mut zusammen und ist mit 14 Jahren zum Jugendamt gegangen … In Tränen aufgelöst berichtete er dem netten Mann, was sich zuhause alles zutrage und das er da nicht mehr leben kann. Gott sei Dank hat der Mann sofort reagiert und meine Eltern angerufen...das Missverständnis hat sich ganz schnell geklärt. Henri ist ein kleiner, verhaltensauffälliger und narzisstischer Lügner – aber die Eltern bekommen das spielend hin. Nein, Hilfe brauchen sie nicht dabei, danke für Alles.
Gott sein Dank … kein Bericht für den Mann vom Jugendamt – das sollte sich jedoch zwei Jahre später ändern.
Henri sollte an dem Tag noch sehr viel lernen. Zum Beispiel, das es total normal sei in einer nervlich angespannten Situation, seinen eigenen Sohn betrunken auf dem Balkon mal von eben diesem herunterwerfen zu wollen … wichtige sei doch, das man es eben nicht getan habe. Keine Verletzung – keine Misshandlung. Außerdem, dass es respektlos ist, nach Hilfe zu fragen. Und, dass er sowieso die Schuld trage, irrelevant ob es so ist oder nicht. Langsam hat Henri es verstanden.
Es gab kaum körperliche Übergriffe auf Henri – also relativ betrachtet. Aber das, was Henri sich gewünscht hätte, versteht nur ein Kind, welches misshandelt worden ist! Er hätte sich mehr blaue Flecken gewünscht als diese tiefen Wunden in seiner kleinen Seele. Die blauen Flecken verheilen, die Risse in seiner Seele quälen ihn noch heute.
Heute ist Henri erwachsen und genau heute musste er diesen einen Satz hören.
„Das ist so nicht gewesen.“
Dieser Satz kam nicht etwa von den Eltern...oder Freunden aus der damaligen Zeit oder irgendeinem Zeitzeugen. Nein, dieser Satz kam von einer Freundin der Mutter. Sie kennt seine Mutter seit einigen Jahren und hat sich ausführlich über Henri berichten lassen, diesen notorischen Lügner. Sie hat Henri verantwortungsloses Handeln vorgeworfen, ob er sich überhaupt im Klaren sei, was er seiner Mutter damit antun würde! Die ersten zehn Jahre habe er eine völlig unbeschwerte Kindheit genießen dürfen – erst danach sei es mit der Krankheit des Stiefvaters ein wenig kompliziert geworden.
Aha. Henri, dieses undankbare Arschloch!
Und wieder einmal muss Henri sich rechtfertigen für all das, was ihm angetan worden ist. Henri ist sofort wieder 12 Jahre alt und verunsichert. Bis zum heutigen Tag leugnet Henris Mutter jede einzelne dieser genannten und noch viel mehr ungenannten Taten.
Das Schlimme ist, dass Kinder wie Henri beginnen an sich selbst zu zweifeln. Sie beginnen zu zweifeln, ob all das wirklich passiert ist oder ob die anderen Recht haben ... sie beginnen, das Leid anzunehmen und zu bagatellisieren, es zu relativieren und – das ist das Schlimmste – die Schuld bei SICH selbst zu suchen, bei ihrer Unvollkommenheit!
Kinder wie Henri sind niemals schuld. Es sind Kinder, die reinsten menschlichen Geschöpfe auf diesem Planeten.
Henri sitzt 20 Jahre später weinend vor seinem Laptop und tippt diesen Text. Es ist nicht in Ordnung, was passiert ist und er wird nicht schweigen! Kinder wie Henri glauben, sie sind die einzigen auf der Welt, denen das passiert. Gewalt, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Demütigung, Verletzungen jeder Art – ihr seid NIE alleine! Zweifelt niemals an euch! Ihr seid wundervoll, so wie ihr seid!
Henri wird niemals aufhören, für euch zu kämpfen – ganz im Gegenteil: Henri fängt erst jetzt so richtig an!
Lasst uns das Schweigen brechen und vergesst nicht, dass Vergebung Liebe ist!
An alle anderen, schaut bitte nicht weg, es gibt noch sehr viele kleine Henri’s da draußen …