Atmen

Meine Missbrauchsgeschichte ist eine lange Geschichte, die ganz anders begann und dann schleichend von der großen Liebe, die ich angeblich für ihn war, in meiner Hölle endete. Die Vergewaltigung war ein Aspekt aus einem ganz großen Arsenal von anders gearteten „Missbräuchen“ an dessen Ende ich sicher war, verrückt zu sein. 

Die Vergewaltigung war in einem Streit. Ich habe es nicht kommen gesehen, weil ich von mir ausgegangen war und ich erst dachte, warum will der jetzt mit mir schlafen, wir sind im Streit. NEIN, NEIN, NEIN. Ich habe es immer wieder gesagt, dachte, wieso versteht der das nicht, ich muss es noch mal sagen. Bis mir klar wurde, dass war jetzt die eine Grenze, die er noch nicht überschritten hatte und die war jetzt auch weg. Gefühlt habe ich nichts und das ist mir später zum Verhängnis geworden, weil so ist ja kein Opfer. Offenbar haben Gerichte, Jugendämter und andere Verfahrensbeteiligte ein Bild davon, wie man sein muss. Ich fühle seitdem nicht mehr. Ich fühle kaum Schmerzen, ich weiß nicht, ob es warm oder kalt ist, mein Körper ist irgendwie von mir abgeschnitten. Ich kann mich zeitweise an wichtige Vorkommnisse nicht erinnern um dann plötzlich von Erinnerungsfetzen überrumpelt zu werden. In meinem Kopf kreisten die Gedanken und mir wurde davon schlecht. 

Ich habe ihn darauf angesprochen. Er ist ausgeflippt, hat mich bedroht, und hat sich noch Jahre danach darüber lustig gemacht. Und ich habe mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, dass ich das nicht in Ordnung fand. Dass ich seine Berührungen, seinen Geruch, seine Versuche, mich wieder ins Bett zu kriegen, abstoßend fand danach. Dass ich es nicht mehr konnte, obwohl er mir immer wieder gedroht hat und mir einreden wollte, dass ich ihn will. 

Ich habe ihn angezeigt. Die (männlichen) Polizisten haben die Befragungen sehr einfühlsam gemacht. Ohne das würde ich heute vielleicht nicht mehr leben. Bei Gericht musste ich erzählen, während der Täter mich angestarrt hat. Vor dem Täter die Fragen, die Anschuldigungen der Verteidigung, die Anklagen, die die Gegenseite mir gegenüber gemacht hat - das war zu viel für mich. Die Hilflosigkeit, diese Ohnmacht - das war wie die Gewalt weiter zu erleben. Der Täter ist an einigen Punkten freigesprochen. Weil ich nicht gefühlsbetont und ausführlich schildern konnte. Er hat stattdessen behauptet, es sei alles genau umgekehrt gewesen. Das ließe sich alles so nicht zweifelsfrei klären. 

Stattdessen wurde das Urteil gegen mich verwendet. Im Familiengerichtsprozess. Die Verfahrensbeteiligten haben mich auseinandergenommen. Ausserdem: so ist ein Opfer nicht. Entweder geht es mir zu schlecht. Oder ich erzähle zu sachlich. Darf ich nicht einfach die Wahrheit sagen? 

Ich weiß nicht, welche Probleme von der Vergewaltigung herrühren und welche aus der anderen Gewalt. Ich weiß, dass ich mich immer noch nicht fühlen kann und die Vorstellung, dass ein Mann in mein Leben kommt, mich immer noch in Panik versetzt. Ich gehe immer noch zur Traumatherapie und ich nehme immer noch Medikamente um zu funktionieren. Im Alltag geht es mittlerweile. Aber wenn er Thema ist oder ich irgendwie von ihm höre, bekomme ich Panik. Egal, wie unwichtig das Thema ist, in meinem Körper übernimmt etwas Regie, das sagt, ich sterbe jetzt sofort. Ich brauche ärztliche Hilfe, dabei ging es inhaltlich um: nichts. 

Ich wünsche mir, irgendwann wieder atmen zu können. Das Gefühl zu haben, ich bin nicht mehr hilflos und ohnmächtig. Ich mache den Mund auf, obwohl ich mundtot gemacht bin. Weil ich will, dass sich endlich etwas ändert und Täter nicht geschützt werden auf Kosten der Menschen, die sie schon kaputt gemacht haben.