Schuld und Unschuld
Meine Ferien habe ich oft bei meiner älteren Schwester und ihrem Mann verbracht. Das
erste Kind der beiden war bereits da. Die Kleine schlief im Schlafzimmer der beiden, als
ich zu Besuch war.
Eines Morgens kam er in das Zimmer zu mir, weckte mich und legte sich zu mir ins
Bett. Er hielt mir den Mund zu und sagte, ich solle leise sein, damit die Kleine nicht
wach wird. Ich wusste nicht, wie mir geschah, und wollte nur noch aus diesem Zimmer
heraus.
Er hielt mich fest, zog mir die Kleidung aus. Ich wehrte mich – ohne Erfolg. Er war
stärker und nahm sich, was er wollte. Er vergewaltigte mich und stöhnte dabei immer
wieder meinen Namen. Ich weinte und versuchte mich immer wieder zu wehren. Als er
fertig war, sagte er: „Das ist nie passiert. Und solltest du jemandem etwas erzählen,
wird dir niemand glauben. Du bist nur ein dummes kleines Kind. Es ist deine Schuld,
dass ich das getan habe – nicht meine. Du hast das verdient, weil du deine Malstifte
und deinen Block immer herumliegen lässt. Du bist schuld.“ Diese Worte wiederholte er
immer wieder.
Ich blieb im Zimmer zurück und weinte vor Schmerzen und Angst. Es müssen Stunden
vergangen sein, bis ich völlig verstört aus dem Zimmer ins Bad ging. Er saß in der
Küche mit der Kleinen, als wäre nichts geschehen. Da sagte die Kleine meinen Namen
und wollte zu mir. Ihr Vater hielt sie zurück und sagte: „Deine Tante ist heute krank.
Lass sie in Ruhe, sie muss schlafen.“ Recht hatte er – ich war innerlich völlig
gebrochen.
Diese Erfahrung musste ich drei Mal machen. Drei Mal ist es passiert. Meine Schwester
bekam nichts davon mit, weil sie arbeiten musste. Niemand merkte mir etwas an. Ich
war ja überzeugt, dass ich selbst schuld war. Das glaubte ich viele Jahre – bis mein
Tagebuch gefunden wurde. Meine Mutter hatte mein Zimmer aufgeräumt und dabei
mein Tagebuch entdeckt. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit meinem Vater im Urlaub.
Als wir zurückkamen, fragte sie mich nur: „Was ist das für ein Scheiß?“ Ich war außer
mir, weil sie in meinen Sachen gelesen hatte. Gleichzeitig schämte ich mich unendlich
für das, was mir passiert war.
Natürlich sprach sie mit meiner Schwester darüber – aber nicht mit mir. Ich fühlte mich
im Stich gelassen. Meine Schwester trennte sich von ihrem Mann, doch ansonsten ging
alles weiter, als wäre nichts geschehen. Mein Vater wusste von nichts. Nach der ersten
Vergewaltigung wurden meine Noten in der Schule katastrophal und ich musste die
Klasse wiederholen. Es hieß nur, ich sei dumm und faul. Niemand fragte nach dem
Warum.
Erst viele Jahre später, als ich Ende zwanzig war, sprach ich mit meiner Mutter darüber.
Ich fragte sie: „Warum habt ihr mich im Stich gelassen?“ Sie antwortete: „Was hätte
ich tun sollen? Hätte ich es deinem Vater erzählt, hätte er ihn umgebracht.“
Auch mit meiner Schwester sprach ich erst in diesem Alter darüber. Ihre Antwort war:
„Was hätten wir denn tun sollen? Du hast völlig dichtgemacht. Ich habe mich doch von
ihm getrennt.“ Ja, ich hatte dichtgemacht – weil ich mich schämte. Weil ich immer noch
glaubte, ich sei schuld.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie die Hilfe bekommen, die ich gebraucht hätte.
Vertrauen? Welches Vertrauen?
Er ist später elend an Krebs gestorben.
Meine Eltern vermisse ich sehr, denn sie sind schon lange nicht mehr am Leben. Mit
meiner Schwester komme ich heute zurecht – mal besser, mal schlechter.
Trotzdem ist sie mir wichtig, und ich habe sie lieb